Tagebucheintrag · 04. August 2026
Operation Rakete
Aus einer vorsichtigen Patientin wurde plötzlich wieder eine kleine Rakete. Zwischen Lachen und Sorge merkten wir, wie viel Lebensfreude in Silva schon wieder steckt.
Vor ein paar Tagen hatten wir noch große Angst, dass Silva lange brauchen würde, um wieder Freude am Leben zu finden. Heute mussten wir plötzlich überlegen, wie wir sie überhaupt noch bremsen können.
Sobald der Halskragen auch nur für einen kurzen Moment abgenommen wurde, verwandelte sich unsere vorsichtige Patientin wieder in eine kleine Rakete. Sie schoss wie ein ICE durch den Garten, raste über den Rasen, warf sich voller Begeisterung auf den Rücken und wälzte sich mit sichtlicher Freude im Gras, als wollte sie all die schweren Tage der letzten Woche einfach abschütteln. Es war unmöglich, ihr dabei zuzusehen, ohne selbst lächeln zu müssen.
Auch unser Enkel, der seine Ferien gerade bei uns verbringt, genoss diese Momente in vollen Zügen. Die beiden spielten miteinander, liefen gemeinsam durch den Garten und für einen kurzen Augenblick fühlte sich alles wieder so unbeschwert an wie vor der Operation. Genau diese Momente hatten wir uns in den letzten Tagen so sehr gewünscht.
Während ich einen Teil unseres Gartenweges neu verlegte, weil einige Pflastersteine abgesackt waren, hatten wir Silva trotzdem die ganze Zeit im Blick – zumindest glaubten wir das. Denn unsere kleine Dame hatte längst einen eigenen Plan geschmiedet.
Vom Pool aus nahm sie Anlauf, raste in Richtung unserer Lounge und sprang mit einem unglaublichen Satz auf die große Aufbewahrungsbox. Für einen Moment blieben Willi und ich wie angewurzelt stehen. Einerseits mussten wir herzlich lachen, weil wir niemals damit gerechnet hätten, dass sie überhaupt auf diese Idee kommen würde. Andererseits schlug uns im selben Augenblick das Herz bis zum Hals. Äußerlich machte Silva zwar riesige Fortschritte, doch innerlich war ihre Heilung noch längst nicht abgeschlossen. Jeder unkontrollierte Sprung konnte die frischen Operationswunden belasten oder sogar neue Verletzungen verursachen.
Innerhalb weniger Minuten verwandelte sich unsere Terrasse deshalb in eine kleine Baustelle. Eine alte Rolllade, ein paar Seile und jede Menge Improvisation mussten als provisorische Absicherung herhalten, damit Silva nicht noch einmal auf die Box springen konnte. Schön sah unsere Konstruktion wirklich nicht aus, aber das spielte überhaupt keine Rolle. Wichtig war nur, dass unsere kleine Abenteurerin sich nicht selbst in Gefahr brachte.
Es ist schon verrückt, wie schnell sich das Leben verändern kann. Vor einer Woche haben wir gehofft, dass Silva überhaupt wieder laufen würde. Heute müssen wir aufpassen, dass sie nicht vergisst, dass ihr Körper noch etwas Zeit braucht, um vollständig zu heilen. So sehr uns ihre Energie manchmal auch erschreckt – genau diese Lebensfreude zeigt uns jeden Tag aufs Neue, dass unsere kleine Kämpferin auf dem richtigen Weg ist.
💚 Vielleicht ist Heilung manchmal genau das: Der Moment, in dem aus der Sorge, ob überhaupt wieder Bewegung möglich ist, plötzlich die Sorge wird, dass man jemanden wieder ein bisschen bremsen muss.