Tagebucheintrag · 10. Juni 2026
Mut beginnt manchmal mit einer Pfote.
An diesem Tag wartete hinter jeder Kurve etwas Neues auf mich.
Mut beginnt manchmal mit einer Pfote
An diesem Tag wartete hinter jeder Kurve etwas Neues auf mich.
An diesem Morgen beschlossen Andrea und Willi, mir ein weiteres Stück meiner neuen Heimat zu zeigen. Diesmal sollte es zur Rur gehen. Dort gab es Wiesen, kleine Waldstücke, viele neue Gerüche und etwas, das ich bis dahin noch nie aus der Nähe kennengelernt hatte.
Fließendes Wasser.
Schon als wir aus dem Auto stiegen, war ich völlig beschäftigt. Überall roch es anders als zu Hause. Ich blieb immer wieder stehen, schnupperte neugierig ins hohe Gras und beobachtete alles ganz genau. Für Andrea und Willi war es einfach nur ein Spaziergang. Für mich fühlte es sich an wie eine völlig neue Welt.
Nach ein paar Minuten blieb Andrea plötzlich stehen.
Vor uns glitzerte die Rur.
Das Wasser bewegte sich ununterbrochen und machte Geräusche, die ich noch nie gehört hatte. Ich beobachtete alles ganz aufmerksam und versuchte herauszufinden, ob ich diesem seltsamen Ding überhaupt trauen konnte.
Andrea zog ihre Schuhe aus und ging selbst langsam ins Wasser.
Sie lockte mich nicht.
Sie zog auch nicht an meiner Leine.
Sie wartete einfach.
Als wollte sie sagen:
„Komm erst, wenn du bereit bist.“
Genau das brauchte ich.
Nach kurzem Überlegen setzte ich vorsichtig eine Pfote ins Wasser.
Dann noch eine.
Und ehe ich selbst wusste, wie mir geschah, stand ich plötzlich mit meinem Bauch mitten in der Rur.
Das Wasser war kühl.
Es bewegte sich ständig um meine Beine herum.
Unter meinen Pfoten lagen Steine in allen möglichen Größen, die sich ganz anders anfühlten als jeder Weg, den ich bisher gelaufen war.
Anstatt sofort wieder herauszuspringen, blieb ich einfach stehen.
Ich schaute nach unten.
Ich setzte vorsichtig eine Pfote vor den anderen.
Ich wollte verstehen, was dieses Wasser eigentlich war.
Fast zwanzig Minuten verbrachte ich dort. Mal ging ich ein Stück weiter, mal blieb ich einfach stehen und beobachtete alles um mich herum.
Als Andrea mich später noch einmal zum Wasser locken wollte, schaute ich sie an, schaute auf die Rur und dachte mir wahrscheinlich:
„Für heute weiß ich erst einmal genug. Morgen können wir weiterlernen.“ 🐾
Natürlich gingen wir weiter.
Immer wieder führte unser Weg an kleinen Stellen vorbei, an denen ich wieder bis ans Ufer laufen konnte. Ich schaute jedes Mal neugierig hinunter, schnupperte und überlegte eine ganze Weile, ob ich noch einmal hineingehen sollte.
Meistens entschied ich mich dagegen.
Nicht aus Angst.
Ich musste einfach erst noch ein bisschen darüber nachdenken.
Wenig später führte unser Weg unter einer großen Autobahnbrücke hindurch.
Über uns rauschten ununterbrochen Autos vorbei. Die Geräusche hallten unter der Brücke wider und Andrea und Willi unterhielten sich sogar ganz bewusst miteinander, um zu sehen, wie ich auf all die neuen Klänge reagieren würde.
Doch ich blieb ganz gelassen.
Ich lief einfach weiter, schaute mich neugierig um und erkundete auch diesen Ort, als wäre es das Natürlichste der Welt.
An diesem Tag begegneten wir noch vielen Menschen, entdeckten unzählige neue Gerüche und ich lernte, dass hinter jeder Kurve etwas Neues auf mich warten konnte.
Als wir später nach Hause fuhren, war ich ziemlich müde.
Nicht vom Laufen.
Sondern von all den Eindrücken.
Und wenn ich heute an diesen Spaziergang zurückdenke, erinnere ich mich gar nicht als Erstes an das kalte Wasser.
Ich erinnere mich daran, dass Andrea und Willi mir Zeit gelassen haben.
Sie wollten nie, dass ich mutig bin.
Sie wollten nur, dass ich mich sicher fühle.
Und genau deshalb begann mein Mut...
...mit einer einzigen Pfote. ❤️🐾